Dienstag, 25. Februar 2014

Das Leben in einem ghanaischen Dorf

Schon als wir (damals noch) zu Weihnachten das erste mal in Brosanko waren, begann ich davon zu träumen, dieses Dorf besser kennen zu lernen. Vor einem Monat wurden wir dort erneut herzlichst empfangen und durften am Kindergottesdienst teilhaben und mithelfen. Für den dritten Besuch nahm ich mir etwas länger Zeit. Ich verbrachte das letzte Wochenende von Freitag Nachmittag bis Sonntag Mittag in dem kleinen, freundlichen Dörflein ohne Strom und durfte das alltegliche Leben der Menschen erkunden.

Brosanko


Das Abenteuer war schon lange in meinem Kopf, auch Fei wusste früh genug bescheid. Allerdings scheiterte jeglicher Versuch mit den Dorfbewohnern im Vorhinein Kontakt aufzunehmen - weil kein Strom, also kein Handy - und alle waren ganz überrascht, als Fei und ich am Freitag Nachmittag einfach so hereingeschneit kamen. Wir hatten Juliana, die Kindergottesdienstleiterin mit uns. Sie wurde vorausgeschickt um meine Gastmutter - oder wie sich dann herausstellte, Gastoma - vorzuwarnen. Auf dem Weg zu ihrem Haus wurden wir von allen Seiten herzlichst begrüßt und Willkommen geheißen. Über Holzbretter balancierten wir zur Eingangstür. Da stand Nana Ama mit einem strahlenden, zahnlückenentblößendem Lächeln und ausgebreiteten Armen, steinalt aber mit von Leben und Freude funkelnden Augen. Am Anfang kannte ich mich gar nicht aus - so viele Leute - aber wer wohnt da jetzt alles?  - Nur die alte Dame alleine, aber sie hat immer Besuch. Leute jeden Alters kamen vorbei - um Hallo zu sagen, auf einen Plausch mit Ama und zum essen - es ist einfach der Treffpunkt der Dorfbewohner.

Nana Amas Haus - ein Ort mit Geschichte


Nachdem ich meine Matratze in der Halle ausgebreitet hatte und das Mosquitonetz befestigt war gingen wir - Juliana, ich und andere Jugendliche und Kinder, die bei Ama im Haus waren (in welcher Beziehung sie auch immer zueinander stehen) - auf Erkundungstour. Zuerst hinunter zum "Fluss", aus dem früher das Trinkwasser bezogen wurde. Jetzt gibt es glücklicherweise einen Brunnen. Allerdings glaube ich, dass das Wasser, das wir zum Geschirrspülen und Duschen verwendet haben, auch aus der Lacke stammte - es war eher gelb und trüb als farblos, klar.


Der "Fluss"



Was ich nicht wusste, war, dass Brosanko so nahe bei Chiransa liegt. Wir spazierten zuerst einen schmalen Pfad durchs Gebüsch und kamen dann auf die Straße, die von Chiransa kommt. Der schlenderten wir entlang und pflückten hier und da saftige Orangen von den Bäumen. Ich war beeindruckt von der Hilfsbereitschaft und Fürsorglichkeit meiner Gefährten. Wir trafen immer wieder auf junge Leute und Kinder, die sich uns anschlossen. Immer waren es die Großen, die für die Kleinen die Orangen schälten und aufschnitten, ganz selbstverständlich.


Wandern durch den Busch

Zwei Orangendiebe auf der Flucht - dafür braucht ein Fahrrad keine Bremsen


Anschließend zogen Juliana und ich nochmals alleine aus. Sie zeigte mir das Haus, ein Stück abseits vom Dorf, wo sie mit ihren Eltern und Geschwistern bis vor wenigen Jahren noch gelebt hatte, bis ihr Vater eines Tages plötzlich verstorben war. Das war ein großer Schicksalsschlag für das junge Mädchen, ihre Schwester und ihre zwei Brüder, ihre Mutter, und für das Ganze Dorf. Sie zogen in das schon weiter entwickelte, größere Dorf nahe der Hauptstraße, wo Juliana und ihr jüngerer Bruder jetzt die Senior High School besuchen. Am Wochenende bewältigen die Geschwister meist zu Fuß den langen Weg nach Brosanko, um dort ihre Verwandten und Freunde zu besuchen und mit ihnen Gottesdienst zu feiern.

Als wir zurück zu Nana Ama kamen, stand für uns ein Teller Fufu bereit - lecker!

Für Fufu braucht man Cassava, Kochbananen...

...einen Driver und einen Pounder


Am selben Abend war der Innenhof des Gebäudekomplexes, der sich später als ehemalige Naturgötterverehrungsstätte und Shrine entpuppte, wieder voller Leute. Sister Julie versicherte mir, dass es nicht immer so zugeht, sondern dass alle nur wegen mir da waren - aber mit mir redete keiner. Sie saßen da, schauten mir beim Tagebuchschreiben zu und fragten nach einer Weile, warum ich nicht auf Englisch schreibe, damit sie es auch lesen könnten. Ich versuchte ihnen zu erklären, dass es bei einem Tagebuch maßgeblich darauf ankommt, dass es außer dem Autor niemand lesen darf, damit stieß ich allerdings auf taube Ohren.



Was Konversation im allgemeinen angeht:  Die Menschen versuchen es immer und immer wieder, mit einem auf Twi zu sprechen. Sie freuen sich total, wnn man dann wirklich im Stande ist, etwas zu sagen. Bei meiner Ankunft in Brosanko hab ich gleich alle brav auf Twi gegrüßt und ein paar Phrasan gebracht – zum Angeben. Also hörten die Leute gar nicht mehr auf, mit mir und untereinander in meiner Anwesenheit auf Twi zu sprechen. Ich verstand nichts, ab und zu hörte ich mal ein bekanntes wort, aber es war zu wenig um mitreden zu können.

mein Himmelbett

Ich schlief ganz gut in meinem "Himmelbett". Als ich dann so um 6:30 aus der dunklen Kammer kroch, hatte ich gleich mal Hunger und schlachtete eine Ananas. Aber Ghanaer essen nicht so früh, bzw. gilt eine Ananas nicht als Frühstück. Gegessen wird später, dafür richtig. So um 9:00 zogen Julie und ich aus um Contombre zu pflücken - am ehesten vergleichbar mit Spinat. Wir schlenderten durchs Dorf in den Busch und wirklich - da hatte doch jemand Contombre gepflanzt. Wem die Farm gehört ist anscheinend nebensächlich. Man nimmt sich, was man braucht. Ich steuerte eine halbe Yamswurzel bei, die ich noch von voriger Woche übrig und mitgebracht hatte und irgendwoher tauchten dann noch drei, vier Kochbananen auf, die wir auch aufschnitten. Alles zusammen kam in einen Kochtopf, wurde mit einem Plastiksackerl zugedeckt - Deckel drauf und auf den Herd damit. Ich wunderte mich, wer das alles essen sollte. Julie und ich? ( Nana Ama kochte ihr eigenes Essen - Schnecken.) Man weiß nie, wie viele Leute mitessen - die Kinder, die da waren, bekamen die Hälfte von unserem Essen und es blieb auch noch etwas für Nachmittag übrig. Es wird eben einfach irgendeine Menge gekocht, und dann wird aufgeteilt. Man bekommt, je nachdem wie viele mitessen, mehr oder weniger, aber nie zu wenig. Essen gibts in dem Dorf, da muss sich keiner Sorgen machen.


Contombre

Juliana schält Yams

Lecker Schnecker^^

Auch was neues - Plastiksackerl zum abdecken

Ab auf den Herd - very african :)

So kocht man ghanaisches Frühstück
Nach dem (zweiten) Frühstück machten wir uns aus dem Staub. Die Jungs holten Kokosnüsse. Einer kletterte die 25m hohe Palme hinauf, flink wie ein Äffchen, und schlug 17 Nüsse herunter. Da ist Vorsicht geboten - wenn einem so ein Drum auf den Kopf fällt... Jesus Christ.
Wir fanden alle 17, setzten uns auf den Boden, schlürften das Kokoswasser und naschten danach das weiße Fruchtfleisch, das bei frischen Kokusnüssen noch ganz weich ist. Auch diesmal wurde den Kindern beim Aufhacken und Auskratzen assistiert.

Menschenaffe^^

Wenn man nicht aufpasst, ist der Finger ab, oder gleich die ganze Hand...

Die süßen kleinen Mädels :)

Am späten Vormittag machten wir uns auf den Weg zur Kakaofarm - Juliana, ich und der Sohn vom Kakaobauern, ein Typ mit hunderttausend Namen, von denen ich mir nur "Daniel" merkte (was aber eigenlich gar nicht sien richtiger Name ist, sondern nur sein Schulname...?)
Es gibt zwei Sorten Kakao, die sich angeblich durch nichts als die Farbe unterscheiden. Bei der einen Sorte sind die unreifen Schoten grün und werden dann gelb, bei der anderen sind die Schoten zuerst rot und die reifen sind braun. Wie auch immer, wir haben die Grüngelben undRoten geerntet. Die frischen Kakaobohnen sind violett und von einer süßen, weißen, schleimigen Hülle umgeben. Wir naschten ein paar - sie schmecken überhaupt nicht auch nur ansatzweiße schokoladig. Den Rest sammelten wir in einem Sackerl, das wir mit in die "Kakaobaumschule" nahmen. Dort füllten wir zuerst aufgeschnittene Wasserplastiksackerln mit Erde und pflanzten dann je eine Bohne in ein Sackerl. In ca. 7 Monaten werden sie dann in die freie Wildbahn der Kakaoplantage ausgesetzt.


Gelbe Sorte

Rote Sorte

...........Daniel........


Ich durfte auch aufschneiden :)

Eine andere gute Recycelingvariante für Wasserplastiksackerln
Danach gab es wieder etwas zum Essen - eine frische, süße Papaya. :)

Eine weitere dankbare Pflanze ist der Maniok, oder in Ghana Cassava genannt, eine Pflanzenart aus der Gattung Manihot in der Familie der Wolfsmilchgewächse (Euphorbiaceae)... (Hätte mein Vater gesagt, ich sag danke Wikipedia^^). Man schneidet einfach einen Ast ab, den steckt man in die Erde und nach 1-2 Jahren erntet man mehrere  kg essbare Wurzeln.


Cassava


Die Sonne macht müde, also verbrachten wir den Nachmittag im Innenhof bei Nana Ama und malten mit den Kindern. Zu essen gabs natürlich auch was - unser Leftover von Vormittags + frittierte Kochbananen - ganz was leichtes :)

 
Fried Plantain schmeckt herrlich

Groß und Klein war beschäftigt mit Buntstift und Papier, Nana Ama saß auf den Stufen vorm Haus uns tratschte mit vorbeigehenden Leuten und ich war dankbar, dass mich die "Brosanko-Family" so in ihr Alltagsleben aufgenommen hatte. 

 
Die Kids hatten Spaß


Und die Großen auch

Eine schwarze Märchenprinzessin

Am Abend wurde ich dann gefragt:
"Should we prepare some rice?"
-"Oh, thank you. I´m not hungry. If you want some..."
Aber dann erinnerte ich mich, ich hatte ja, um den Gastgebern nicht so zur Last zu fallen, mein eigenes Essen mitgebracht, u.a. "Knorr - Farfalle in Blattspinatsauce" aus Österreich - das kann ich doch schlecht wieder Heim schleppen. Also wurde doch noch einmal aufgekocht. Diesmal zeigte ich, wo´s lang ging. Es war leider (oder zum Glück, sonst wär´s zu wenig gewesen) nicht jedermanns Sache, aber Sister Julie und ich genossen das Essen - Julie nahm aber diese europäischen Portion nicht ernst, für sie gab´s dann doch noch einen Teller Reis. Ich setzte dieses mal aus.

Farfalle in Blattspinatsauce

Sonntags fängt der Gottesdienst um 9:00 an, aber um die Zeit bekam die Kindergottesdienstleiterin von ihrem großen Bruder noch einen frischen Haarschnitt verpasst. Danach wurde gemütlich gefrühstückt (Auch diesmal setzte ich aus, ich Hatte nämlich vorher schon selbst mitgebrachtes uns selbstgebackenes! Brot mit selbstgekochter! Ananasmarmelade" Gegen halb 11 trudelten wir in der Schule, in der Gottesdienst gefeiert wird, ein und der KiGo konnte beginnen. Es ist aber eher "Sunday School"- es wird zwar auch gesungen, aber die meiste Zeit sitzen die Kinder nur in den Bänken und es wird ihen vorgepredigt, dann mussten sie Bibelverse zitieren und für ihr Heimatland beten. Zum Schluss wurde eine Kollekte gesammelt. Nach dem Gottesdienst kamen Fei und Agnes, um mich abzuholen. Ich wurde noch reichlich beschenkt mit Bananen, Kokosnüssen, einer Papaya und einer Avokado und verabschiedete mich von Brosanko und seinen Liebenswerten Bewohnern. Ich bin ihnen so dankba für dieses Wochenende, an dem ich so viel erleben durfte. Gott segne diese herzensguten Menschen.

Erst wenn Julie die Senior High School abschließt, darf sie ihre Haare wachsn lassen.

Im KiGo: Die Mädels singen, der kleine Kofi kann nicht still sitzen und rotiert...

Noch ein paar Eindrücke:

Eine frische Palmnuss

Kochbananen

Wehe dem, der beim Ausgehen zu viel Palmwein trinkt ;)

Der Dorfzoo:

Und Schafe, die vor der Mittagshitze in den Schatten eines Hauses flüchteten

Rattenjunge

Miezekätzchen

ein kleiner Kleffer

Riesenhasen
Busch, Garten und Farm:
Ananas

Keine Ahnung, was das ist, aber die Farbe ist schön :)


Alles, was blüht, heißt hier  nur "Flower"
Das kenn ich: Baumwolle!

Bougainvillea




Es wird natürlich alles auf dem Kopf getragen
Klein Kofi hat ein schattiges Plätzchen in der Tür gefunden

Dem möcht ich nicht allein im Wald begegnen :) - Nein, es is ganz normal hier, dass Kinder mit Macheten rumlaufen

Ich bin immer die, die am dreckigsten ausschaut.
  Der mysteiöse Teil des Hauses:
Ein Ort alter Götter

Der Altar mit Opfergaben - Messer, Schaps, Eier... alles mögliche


1 Kommentar:

  1. Danke, Hanna, für die außergewöhnlichen Fotos!!! Und bis baaaaald!!!!

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